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Yacêre Geri Zürück

Kahraman Gündüzkanat:
Die Rolle des Bildungswesens beim Demokratisierungsprozeß in der Türkei unter besonderer Berücksichtigung der Dimili (Kirmanc-, Zaza-) Ethnizität, Münster 1997, 237 p.
LIT Verlag, Dieckstr. 73, 48145 Münster,
Tel.: 0251-235091
Fax: 0251-231972
ISBN: 3-8258-3132-9
ya ki
K.Guenduezkanat@t-online.de

 

Nasiya kitabi: 
(http://members.tripod.com/zaza_kirmanc/research/qeraman.htm
  ra cêriya)

 

Vorwort

von Prof Dr. Gerd Iben

Der Verfasser ist selbst Angehöriger der Dimli-Minderheit und hat bis zu seinem 22. Lebensjahr in Dersim gelebt, wo etwa 5 Millionen meist alevitische Angehörige dieses Volkes mit eigener Sprache (Dimilki oder Zazaki) und Kultur beheimatet sind.

Er hat in den 15 Jahren seit seiner Einreise nach Deutschland neben seinem Pädagogik-Studium aktiv an der Wiederentdeckung der unterdrückten Dimli-Identität und -Sprache, an einer Grammatik und an der Verschriftlichung von Lyrik und Prosa von nur mündlich überlieferten Texten und an der Herausgabe einer entsprechenden Zeitschrift (Ware) mitgewirkt.

Die vorliegende Arbeit versteht sich als ein Beitrag, die Geschichte dieser unterdrückten Ethnie aufzuarbeiten, ihre Identität und Sprache zu sichern und ihre Zukunft durch ein entsprechendes Bildungskonzept zu ermöglichen. Mit diesem Anspruch geht die Arbeit über eine bloße Analyse und Deskription hinaus und entwickelt neben einer umfassenden Lebensweltbeschreibung auch Elemente einer Handlungsforschung. Wie wird dieser Anspruch eingelöst?

In der Einführung wird vor allem das methodische Vorgehen begründet, das einerseits eine Sammlung, Sichtung und Auswertung eines weit verstreuten Quellenmaterials umfaßt, welches mit dem Verfahren einer Inhaltsanalyse bearbeitet wird. Andererseits wurden narrative Interviews mit im Exil lebenden Angehörigen des Dersim-Volkes, meist Intellektuellen, geführt sowie drittens mit Hilfe von weiteren Interviews und Fragebögen qualitative und quantitative Untersuchungen zur Dimilki-Sprache veranlaßt und ausgewertet.

Die Einleitung umfaßt außerdem eine Definition von Ethninizität und ihrer Bedeutung für die Arbeit und die Analyse von Identität und Kultur von Minderheiten in der Türkei.

Damit legt der Verfasser bereits ein theoretisch anspruchsvolles Fundament für sein weiteres Vorgehen. 

Dieses konzentriert sich auf die Herkunft, Kultur, Sprache, Religion und Geschichte der Dimli, um so sich der kulturellen Identität dieses Volkes anzunähern. Unter dem Stichwort Religion wird die alevitische Richtung, eine frühe Abspaltung des Islams, als sehr menschliche und auf Gleichheit ausgerichtete Glaubenshaltung beschrieben, der auch eine hierarchiefreie Sozial- und Wirtschaftsform entspricht. Das Land gehört allen und wird gemeinsam bestellt.

Die nachfolgende Analyse der Bildungs- und Innenpolitik der Türkei beschreibt den Weg zum Nationalstaat, der über die türkische Sprache und sein Bildungssystem die unterschiedlichen Kulturen des Vielvölkerstaats zu assimilieren versucht und durch entsprechende Repression wiederholt Aufstände des Dersim-Volkes provoziert, diese niederschlägt und durch Evakuierung und Militarisierung die Minderheiten-Identität aufzulösen sich bemüht, was auch weithin gelungen ist.

Trotzdem wagt der Verfasser, indem er frühe türkische Reformansätze aufgreift, das Bildungswesen als Mittel der Befreiung einzuführen. Dabei steht im Mittelpunkt die Sprachproblematik, die er im Sinne eines Bilingualismus, einer Gleichberechtigung von Muttersprache und Türkisch zu lösen versucht.

Die Arbeit mündet folgerichtig in ein regional (oder situativ) orientiertes pädagogisches Konzept, wie es bereits der türkische Reformpädagoge Tonguç mit seinen Dorfinstituten entwickelt hat (darüber hat der Verfasser bereits eine sehr gute Diplomarbeit geschrieben). In diesem Rahmen gibt Gündüzkanat auch hilfreiche Anregungen zur Lehrerbildung.

Bei aller gut begründeten Kritik leistet die Arbeit aber auch einen positiven Beitrag zur Selbstfindung des Dimli-Volkes und zu einem Zukunftskonzept interkultureller Erziehung und Bildung. Dieses mag angesichts der gegenwärtigen Reislamisierung und schwachen Demokratie in der Türkei utopisch anmuten, setzt aber auf Humanisierungs- und Dernokratisierungstendenzen und leistet einen eigenen Beitrag dazu.

Prof. Dr. G. Iben
 
 
 
 

Frankfurt, im 10. September 1996